Unser erstes Lager während des Wildmoon in Schweden lag auf einem großen felsigen Areal am See. Vom Kanuanlegeplatz führten die Wege hinauf zu unserem Lager und wieder steil hinunter zum Badeplatz. Dazwischen gab es einen steilen Abgang zu jener Stelle am See, an der wir unser Trinkwasser holten. Es gab zwei Feuerplätze: einen geschützt unter einer Plane und einen draußen auf dem Felsen unter freiem Himmel.

Lager über dem See

Meine Tochter und ich fanden einen Schlafplatz, an dem wir uns sofort wohlfühlten. Unter einer kleinen Eiche, etwas abseits und mit Blick auf den See, spannten wir unser Tarp und das Moskitonetz auf.

Am nächsten Morgen begann ich, unseren Platz weiter zu verbessern. Ich sammelte Moos, polsterte Unebenheiten aus und versuchte, die leichte Schräge auszugleichen. Aus einem Stück Waldboden wurde nach und nach unser Platz.

Unser ganzer Rhythmus passte sich an. Wir wachten mit der Sonne auf. Wie spät es war? Keine Ahnung. Man konnte anhand des Sonnenstands raten, aber eigentlich war es auch nicht wichtig. Der Tag – unsere Sun – begann, wenn wir wach waren.

Vor dem Frühstück sammelten wir Heidelbeeren. Wir knackten Nüsse und mischten sie mit Fett. Wenn ich Durst hatte, ging ich den Weg hinunter zum See. Anfangs gewöhnten wir uns langsam an das Seewasser und bekamen zu den ersten Schlucken noch abgekochtes Wasser. Bald wurde es selbstverständlich, direkt aus dem See zu trinken. Das Wasser war klar, kühl und erfrischend.

Feuer, Essen oder saubere Kleidung waren jedoch nichts, was einfach verfügbar war. Wollten wir Feuer, brauchten wir Holz. Also sammelten wir es oder fuhren mit den Kanus zur gegenüberliegenden Insel, um welches zu holen. In den ersten beiden Wochen fingen wir mit Netzen selbst Fisch. Gemüse, Fett und Wildfleisch kamen mit den Food Drops, Beeren und andere essbare Grünpflanzen fanden wir rund um uns.

Food drop

Und irgendwann stellte sich eine ganz andere Frage als jene, mit der ich nach Schweden gekommen war. Ganz unmittelbarere: Was brauche ich, damit es mir/uns (hier) gut geht?

Nach einigen Suns merkte ich, dass „draußen leben“ etwas anderes bedeutete als „draußen sein“. Da ein Monat draußen im Wald geplant war, wollte ich mich nicht irgendwie durchschlagen. Ich wollte mich wohlfühlen. Meine Tochter sollte sich auch wohlfühlen. Also begann ich genauer hinzuschauen.

Schlafe ich gut? Dann richte ich meinen Platz so her, dass mein Körper gut liegen kann. Fühle ich mich schmutzig? Dann gehe ich zum See und bade. Ich wasche meine Kleidung und ziehe frische Sachen an. Und wenn ich saubere Hände haben möchte? Was bietet mir meine Umgebung dafür? Birkenblätter zum Beispiel. Ihre Saponine ließen sich zum Händewaschen nutzen. Also wurden auch sie Teil meines Alltags.

Nichts davon war kompliziert. Aber alles brauchte einen Schritt mehr als zu Hause.

Holz sammeln

Wasser kam nicht aus dem Hahn. Saubere Kleidung nicht aus der Waschmaschine. Der Schlafplatz war nicht jeden Abend bereits gemacht. Und wenn Holz gebraucht wurde, musste jemand losgehen und welches holen.

Mein Körper fühlte sich mit diesem einfacheren Leben erstaunlich wohl. Vor der Reise hatte ich mir Gedanken gemacht, ob meine Nacken- und Rückenbeschwerden durch das Schlafen draußen schlimmer werden würden. Mein Kopf lag auf einer kleinen Version meines gewohnten Nackenpolsters, unter mir waren eine dünne Isomatte, ein Renntierfell, Waldboden und das weiche Moos, mit dem ich meinen Platz verbessert hatte.

Und trotzdem schlief ich im ersten Lager oft durch – etwas, das mir zu Hause gar nicht so selbstverständlich gelingt. Auch Nacken und Rücken machten überraschend wenig Probleme.

Vielleicht war es nicht trotz, sondern teilweise sogar wegen dieses anderen Alltags. Kein ewiglanges Schauen aufs Handy mit gesenktem Kopf, viel Bewegung und ein Tagesrhythmus, der sich stärker nach Licht, Hunger und Müdigkeit richtete.

Ich begann zu verstehen, dass weniger zivilisatorischer Komfort nicht automatisch weniger Wohlbefinden bedeutet. Doch vieles, was zu Hause auf Knopfdruck verfügbar ist, kostete hier Zeit und Energie. Es war ein „einfaches“-  im Sinne von reduziert es Leben. Dafür wusste ich am Abend ziemlich genau, was ich an diesem Tag für mich und unser Leben draußen getan hatte.