Mit mir selbst im Gepäck
Mit dem zweiten Lager veränderte sich etwas.
Wir paddelten weiter zu einer Halbinsel und bauten unser neues Lager auf. Anders als am ersten Platz lagen unser persönlicher Schlafplätz nun im Wald. Auch das Wetter hatte sich verändert. Es war kühler und feuchter geworden, die Sonne zeigte sich seltener. Nach der Wärme und Weite unseres ersten Lagers fühlte sich dieser Ort anders an – stiller, dichter, zurückgezogener.
Auch unseren Schlafplatz mussten meine Tochter und ich noch einmal verändern. Über uns entdeckten wir abgestorbene Äste in den Bäumen. Also abbauen, einen sicheren Platz suchen und noch einmal neu einrichten.
Vielleicht passte das ganz gut zu dieser Phase des Wild Moon. Denn nicht nur äußerlich war etwas in Bewegung geraten.
Ich war mit dem Wunsch nach Schweden gekommen, zur Ruhe zu kommen, meine Naturverbindung zu vertiefen und meinen Quiet Mind zu finden. Und irgendwo hatte ich offenbar eine ziemlich genaue Vorstellung davon entwickelt, wie sich das anfühlen sollte.
Nun war ich da. Mitten in der Natur. Kein Handy. Keine Termine. Keine Uhr. Wald und See rund um mich. Eigentlich perfekte Bedingungen. Nur mein Kopf hatte das Memo offenbar nicht bekommen. Bin ich schon ruhig genug? Ist das jetzt diese tiefe Naturverbindung? Wann kommt denn endlich dieser Quiet Mind? Ich hatte mir einiges vorgenommen für diesen Mond. Und irgendwann bemerkte ich, dass ich sogar aus meiner Auszeit wieder etwas gemacht hatte, das ich erreichen wollte. Das Verrückte daran: Je mehr ich darauf wartete, endlich loszulassen, desto weniger ließ ich los.
Und noch etwas wurde mir zunehmend klar: Nur weil ich meinen Alltag zu Hause gelassen hatte, hatte ich nicht automatisch alles andere dort gelassen. Mich selbst hatte ich nämlich mitgebracht. Meine Gedanken. Meine Erwartungen. Meine Muster. Meine Unsicherheiten. Meine Art, auf Situationen zu reagieren. All das saß mit mir im Kanu, schlief mit mir unter dem Tarp und ging mit mir durch den Wald.
Die Natur ließ diese Dinge nicht einfach verschwinden. Meist war sogar das Gegenteil der Fall. Ohne die gewohnten Ablenkungen war manches deutlicher zu sehen. Das war nicht unbedingt die Naturverbindung, die ich mir vorgestellt hatte. Aber vielleicht gehörte genau das dazu. Irgendwann erlaubte ich mir einen Gedanken, der im Grunde sehr einfach war:
Ich muss hier gar nichts erreichen.
Ich darf müde sein. Ich darf mich ausruhen. Ich muss aus diesem Mond nicht möglichst viel herausholen. Ich muss nicht jeden Augenblick sinnvoll nutzen und schon gar nicht ständig überprüfen, ob ich endlich dort angekommen bin, wo ich hinwollte.
Ich darf einfach hier sein. Bei mir ankommen.
Und mit diesem Gedanken veränderte sich langsam etwas. Nicht plötzlich und nicht mit einem großen Aha-Moment. Eher dadurch, dass ich aufhörte, ständig darauf zu warten. Ich ging spazieren, weil ich spazieren wollte. Ich setzte mich irgendwo hin, weil mir danach war. Ich schaute. Hörte. Blieb stehen. Und irgendwann war mein Kopf tatsächlich stiller geworden. Fast unbemerkt. Vielleicht hatte mein Quiet Mind die ganze Zeit nur darauf gewartet, dass ich endlich aufhöre, ihn zu suchen.
Wildmoon Teil 4 (Sich im wilden Alltag wohlfühlen)- Wildmoon Teil 6
